Briefsammlung

BRIEF 1

Liebe Jenni,

ich sitze gerade auf der Couch und schaue alte Bilder von dir und Oma an und erinnere mich mit einem Lächeln an die Diskussionen mit ihr vor 30 Jahren. Sie wollte niemals, einfach niemals aus ihrer Wohnung ausziehen. 70 Jahre an diesem Ort ließen eine Veränderung so bedrohlich erscheinen, dass sie nicht mal Angst davor hatte – denn es war einfach keine existente Option, egal wie oft wir es ansprachen. Ich kann mich auch erinnern, wie meine Eltern sich vornahmen, niemals so zu werden. Und dann doch lange Zeit den Absprung nicht schafften.

Und jetzt sitze ich hier mit 65 Jahren und wohne in einer WG mit zwei Freundinnen. Hätte ich mir das vor 30 Jahren vorstellen können? Wahrscheinlich nicht.

Dabei ist es doch so logisch, seine Wohnsituation auch seinen Bedürfnissen anzupassen. Dass Opa damals in der Wohnung mit Treppe gewohnt hat und wir ihn mühsam diese Treppe hinunter bewegen mussten, wirkt aus heutiger Sicht derart absurd, dass ich furchtbar darüber lachen muss.

Weißt du noch, wie ungläubig die Leute dich angeschaut haben, als ihr während der Schwangerschaft noch umgezogen seid? Und dann nicht mal in eine Wohnung mit Kinderzimmer? Sowas ist heute völlig normal. Man zieht um, sobald sich die Lebensumstände, Vorlieben oder sonst irgendwas ändert. Man zieht auch einfach mal für einen Tapetenwechsel um.

Das ist aber auch heute viel einfacher. Wohnungen sind in der Regel bereits möbliert, du änderst höchstens mal ein Möbelstück oder eine Farbe, aber alles bleibt im Besitz des Vermieters – das geht auch ganz kurzfristig, weil du zum Beispiel mal für ein paar Wochen ein Krankenbett brauchst.

Heute gehört uns nicht mehr ein Haus, in das wir dann bis ans Ende unserer Möglichkeiten leben. Auch die Möbel darin gehören uns nicht, überhaupt ist das Prinzip von Besitz ziemlich abhanden gekommen, was uns viel flexibler gemacht hat.

Wie gesagt, wohne ich ich mit zwei ganz tollen Frauen zusammen – nein, ich hab mich nicht von Chris getrennt – aber wir hatten gerade einfach andere Prioritäten, was unsere Wohnung angeht. Ich wollte wieder nah an die Natur, Chris nah ans Gym und Cafés. Auch in Wohngemeinschaften zu leben ist heute völlig normal für jedes Alter – vor allem, wenn du kleine Kinder hast, ist das eine ganz große Erleichterung.

Überhaupt ist man heute wieder viel offener für das Leben in Gemeinschaften. Und es ist selbstverständlich, füreinander da zu sein. Ich weiß noch, wie wir damals unsere Entscheidung für Wohnungen zum Beispiel vom Job abhängig machten. Heute geht es eher darum, mit welchen Menschen wir zusammen leben wollen.

Allerdings müssen heute auch einfach viel weniger Menschen ins Büro, die Fabrik oder die Werkstatt, um einen Job zu erledigen. Es ist absolut selbstverständlich, auch aus der eigenen Wohnung zu arbeiten – das gilt für Manager wie für Metallbauer. Wie sehr wir früher auf persönliche Treffen im beruflichen Umfeld bestanden, wirkt heute absurd auf mich.

Eines von Omas Argumenten, nicht ins Heim zu ziehen, war immer: “Ich möchte nicht ins Heim, da sind nur alte Menschen.” Das hörte sich vor 30 Jahren schon wie ein Witz an, war aber bitterer Ernst. Schau doch mal in die Altenheime: Bei jedem Essen hören die Menschen die gleichen Geschichten von Krankheiten, die gleichen Sprüche werden zum Besten gegeben. Selbst wenn man dement ist, ist das sehr fad.

Heute ist es absoluter Standard, dass in den Tagesvierteln Bürogebäude, Pflegewohnungen, Schulen und Kindergärten nebeneinander stehen und wir gemeinsam Einrichtungen wie Mensen, Sport- und Spielplätze, Schwimmbäder und Aktivitätsräume benutzen.

Ich glaube, Oma hätte großen Spaß daran gehabt und sich immer neben die besonders hibbeligen Kinder gesetzt und mehr mit ihnen geturnt, als selber zu essen.

Grüße aus einer wundervollen Zukunft!

Jenni Schwanenberg