Aus Liebe zu Prokrastination und Effizienz – Fünf persönliche Strategien

Ohne es jemals gemessen zu haben, bin ich mir sicher, dass ich ein ständig erhöhtes Dopaminlevel habe. Ich lasse mich leicht ablenken: von Eichhörnchen, Nachrichten, Ideen, Appetit und den damit verbundenen Gedanken, was man denn als nächstes essen könnte.

Wäre ich einige Jahre später und in einer anderen Art Familie geboren worden, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass mir jemand ADHS attestiert hätte, sicher hoch gewesen. Gerade und still sitzen habe ich bis heute nicht gelernt, worüber Kollegen und Vorgesetzte bislang aber immer netterweise hinweg sehen (zumindest hat mich noch niemand darauf hingewiesen, dass es sich eigentlich nicht gehört, im Schneidersitz in der Besprechung zu sitzen).

Zu Schulzeiten war es besonders schlimm. 45 Minuten Aufmerksamkeit auf monologisierende Geschichtslehrer? Total unmöglich! 5 maximal – danach erst mal Kunstwerke aus Schlängellinien ins Heft bringen. Hausaufgaben zu Hause machen? 30 Minuten maximal – dann erst mal ’ne Runde Roller Coaster Tycoon oder Diablo II zocken. Dank einer ganz guten Wahrnehmung und großartiger Freunde habe ich es dennoch bis zum Abitur geschafft und auch für’s Vordiplom hat es noch gereicht. Dann kamen Maschinenbau, Verfahrenstechnik und Diplomarbeit – und wenn das nicht schon schwierig genug wäre, kam auch noch das Social Web.

Maschinenbau war hart. Eine Kombination aus Lerngruppe, selbstgeschriebener Formelsammlung und viel Auswendiglernen (konnte ich glücklicherweise immer schon schnell) brachte mich durch. Verfahrenstechnik war eine andere Nummer – die Lerngruppe war schon durch die Klausur durch, außerdem hatte man plötzlich einen StudiVZ- und einen Facebook-Account. Und während Schlängellinien maximal 20 Minuten spannend sind, konnte StudiVZ einem quasi unendlich lange neue spannende Informationen bieten (Twitter und Facebook waren 2008 in Deutschland noch nicht so spannend).

Für Verfahrenstechnik war die Lösung noch schnell gefunden: eine Gruppe suchen, die einem notwendigste Fragen zur Klausur beantworten kann und zumindest am Gruppenzwang (9 Uhr da sein, 12 Uhr Mittag, 15 Uhr Kaffee, 18 Uhr Ende, ja wirklich so streng, ich habe Freunde, die brauchen das) teilhaben lässt und während des Lernens Internet aus. Zum Durchrechnen von Aufgaben geht das. Aber Diplomarbeit ohne Internet? Hat das jemals jemand versucht? (caution, joke inside)

Bei einer längeren Arbeit kommen außerdem noch eine ganze Reihe anderer Möglichkeiten zum Prokrastinieren dazu: Man kann stundenlang in Bibliothekskatalogen nach Literatur suchen. Man kann quasi tagelang Bücher wälzen. Man kann über Wochen hinweg das Layout solch einer Arbeit verbessern. Und man kann stundenlang das weiße Blatt anstarren oder Schiffe auf dem Rhein gucken (zumindest wenn man in der ULB Bonn sitzt, was ich empfehlen kann).

prokrastinator

Dass ich zu dem Zeitpunkt schon ein Jahr über der Regelstudienzeit war, wurde mir zunehmend unangenehm. Also mussten Lösungen her. Die Strategien, die ich dabei für mich gefunden habe, sind eigentlich bis heute geblieben. Die eine oder andere hat sich durch Smartphone & Co. verändert, aber prinzipiell gibt es vier Regeln:

1. Anti-Prokrastinations-Verbündete

Sich mit anderen zu festen Zeiten zu verabreden hilft immer. Egal ob zu Startzeiten oder zu Deadlines, geteiltes Leid ist halbes Leid, und Kontrolle ist immer besser. Wo diese Verbündeten sind, ist eigentlich egal. Für die Diplomarbeit waren sie mit mir in der Bibliothek, für andere Projekte mussten auch schon mal meine Mitbewohner herhalten oder sogar Freunde über Facebook, von denen ich wusste, dass sie auch gerade Unliebsames tun müssen.

Wenn man gedanklich fest hängt, hilft es außerdem manchmal, einfach mit irgendjemandem drüber zu reden. Da ich die letzten Monate recht einzelkämpfermäßig in Projekten war, mussten dafür immer mal wieder dpa-Kollegen oder Co-Worker im Betahaus herhalten. Glücklicherweise hat sich aber auch noch keiner darüber beschwert.

2. Finde deine Komfortzone

Normalerweise kämpfe ich ja immer gegen alle Komfortzonen dieser Welt, aber wenn ich mich konzentrieren muss, hilft diese. Bei mir bedeutet das nicht zuhause arbeiten, Termine nur zwischen 15 und 17 Uhr und Musik.

Ich kann nicht effizient zuhause arbeiten. Geht einfach nicht, ich versuch es darum auch nicht mehr. Außerdem sind Termine bei mir Produktivitätskiller – nur noch 42 Minuten, dann muss ich los? Da lohnt es sich ja gar nicht, anzufangen. Darum gibt es Termine an Tagen, an denen ich was reißen muss, nur zwischen 15 und 17 Uhr, da ist nämlich mein Produktivitätsloch. An den Tagen schau ich auch nicht auf die Uhr, sondern stelle mir Wecker, wenn ich pünktlich irgendwo sein muss. Wenn man weiß, wie lange man schon festhängt, wird man nur noch deprimierter.

Wenn ich besonders doofe Dinge tun muss (das lässt sich auch im schönsten Job nicht umgehen) oder unkonzentriert bin, hilft mir Musik. An der Stelle ein großes Danke an die Streaming-Dienstleister dieser Welt, was würde ich ohne euch tun – für jede Lebenslage der richtige Song, wie konnten wir ohne Leben? Meine beiden Arbeitssoundtracks sind Danny Elfman mit Alice in Wonderland und Betty Ford Boys mit Retox. Elfman hör ich schon seit fast zwei Jahren quasi täglich, Retox hilft vor allem Motivation aufzubauen.

3. Better done than perfect

Der Satz ist aus dem Silicon Valley geklaut. Vor allem Facebook mag ihn irgendwie gerne – hängt da überall. Aber er passt auch einfach. Schreib erst mal deine Arbeit runter, schön machen kannste später. Dazu muss man sich tatsächlich zwingen. Klar macht Recherchieren oder Layouten mehr Spaß als der Schreibprozess selbst (zumindest mir), aber das muss eben erst mal aufs nötigste reduziert werden.

4. Gut schlafen, gut essen

Klingt banal, aber es gibt gerade diesen komischen Trend zu Nicht-Schlafen und Nicht-Essen, weil wir ja alle so busy, busy sind. Dass das ganz schön blöd ist und unsere Effizienz killt, muss ich wahrscheinlich niemandem erklären.

5. Prokrastinieren Sie

Ich liebe Prokrastinieren! Am liebsten auf Twitter einfach mal Trending Hashtags aufrufen und schauen, was die Welt so schreibt. Oder aus dem Fenster starren – den Luxus, so etwas tun zu können, muss man genießen. Mal wieder das Internet nach Zitaten durchsuchen, weil die sich in Präsentationen immer so gut machen – nä, wat schön.

Prokrastinieren ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil – das Hirn zwischendurch mal auf null runterfahren ist total gut. Für mich funktionieren die sozialen Netze da gut, allerdings bin ich auch wenig anfällig für Abhängigkeit.

Vor allem Aufgaben, die besonders komplex sind oder die ich gar nicht mag, brauchen unheimlich viel Kraft in der Umsetzung. Umso wichtiger, zwischendurch eben doch mal zu layouten, auf’s Wasser zu starren oder Instagram durchzugucken. Es gibt nichts Besseres, als zwischendurch einfach mal auf Null runter zu fahren. Mal 5 Minuten gar nicht denken, im Notfall auch mal 30. Da braucht man auch kein schlechtes Gewissen zu haben.

Klar gibt es noch ganz viele weitere Tipps (Flugmodus; Software, die bestimmte Seiten sperrt; sich von FB abmelden; Zeiten festlegen …), aber diese fünf sind meine wichtigsten. Ich hoffe, dem einen oder anderen hilft es ein bisschen – und wenn es mal gar nicht geht, schreib ich euch gerne in drei Stunden eine Nachricht und frage, wie weit ihr gekommen seid.

Einen Tipp gibt’s doch noch:

Das Lesen von Tipps-Artikel ist auch eine Art Prokrastination. Letztlich müssen wir selbst rausfinden, was für uns gut klappt, deshalb empfehle ich, vom Lesen von Tipps-Artikeln abzusehen ;)

One thought on “Aus Liebe zu Prokrastination und Effizienz – Fünf persönliche Strategien

  1. Christian

    Witzig… ich bin auch einer dieser Prokrastinierer. Mein Tipp wäre – und das ist wirklich das einzige, was mich konsequent am Arbeiten hält: Große Kanne Kaffee vorbereiten, Telefon leise, Tür zu, an den Schreibtisch und dann mit Volldampf loslegen. Wenn man erstmal im Text drin ist, muss man nicht mehr prokrastinieren, das setzt aber die weitestgehende Reizfreiheit voraus. Das funktioniert recht gut, kurze Unterbrechungen sind nicht schlimm, lange hingegen, etwa für das Mittagessen, tödlich ;)

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