Kreativität trainieren

Auf der Digitalkonferenz SXSW sah ich dieses Jahr einen Talk zweier CIA-Agenten, deren Abteilung anderen Agenten kritisches Denken beibringt. These der beiden war, dass selbst hochintelligente, bestausgebildete Agenten an ihre Grenzen stoßen und nur kreative Prozesse sie darüber hinaus bringen können.

Außerdem verkündete jeder Talk zu künstlicher Intelligenz, dass Kreativität eine der Kernkompetenzen der Menschheit in Zukunft werden wird. Beide Aussagen teile ich zu 100%, weshalb ich heute als Kreativitätstrainierin arbeite und die kreativen Fähigkeiten von Führungskräften und Teams fördere.

Ich sehe Kreativität aus zwei Gründen als unerlässliche Fähigkeit:

Qualität unserer Entscheidungen

Zum einen wird es im Umgang mit künstlicher Intelligenz extrem wichtig sein, seine eigenen Denkprozess zu erhalten, um die bestmöglichen Ergebnisse zu befördern. 

Ein Beispiel aus unserem Alltag sind Navigations-Apps. Auch wenn sie mittlerweile besser als wir wissen, wo ein Stau entsteht, eine Umleitung ist oder der Zug Verspätung hat, so erzielen wir dennoch die besten Ergebnisse, wenn wir selbst noch in die Routenentscheidungen eingreifen. Wir wissen oftmals (noch) besser, als die Systeme, dass in einer bestimmten Straße die Parkplatzsituation besser ist oder sind mit dem Fahrrad unterwegs und können darum durch die Fußgängerunterführung schieben, statt den Umweg zu fahren. Dies ist bereits ein kreativer Prozess, denn wir haben kritisch über die Entscheidung des Algorithmus nachgedacht und sie modifiziert.

Ein Schach- oder Go-Computer ist mittlerweile in der Lage die besten Spieler der Welt zu besiegen. Aber tun ein Schachcomputer und ein Mensch sich zusammen, sind sie noch besser als das Programm selbst (1).

Innovation ist zu einem wichtigen Treiber unserer Wirtschaft geworden. Ein Unternehmen, das stehen bleibt stirbt. Letztlich sind es immer Menschen, die Innovation treiben und zu Grunde jeder Innovation liegt eine Idee und der Wille diese umzusetzen. Um also Innovation im Unternehmen zu fördern, müssen Unternehmen die kreativen Fähigkeiten ihrer einzelnen Mitarbeiter fördern (2).

Unser eigenes Wohlergehen

Zum anderen werden wir in der Zukunft weniger Zeit auf der Arbeit verbringen. Doch dies bereitet uns jetzt schon Kopfzerbrechen. Schaut man sich in der U-Bahn um, sieht es so, als seien die Fahrgäste schon von ihrer Fahrt derart gelangweilt, dass sie lieber die immer selben Fotos auf Instagram betrachten (oder den Ladebalken, denn deutsche U-Bahnen glänzen nicht gerade durch Netzqualität), als allein mit ihren Gedanken zu sein.

Ein unterbeschäftigtes Hirn neigt genauso zu Krankheit, wie ein überbeschäftigtes. Schlimmer noch: Bin ich nicht kreativ, kann ich nicht mit Veränderungen umgehen. Und diese umgeben uns in unserem Zeitalter unvermeidlich. Jede Veränderung, der ich nicht begegnen kann, führt dann zu Frust.

Aus diesen Gründen glaube ich, dass jeder Einzelne seine kritischen und kreativen Fähigkeiten trainieren sollte.

Wir werden kreativ geboren

Eine Vielzahl wissenschaftlicher Forschungsarbeiten (3) hat mittlerweile belegt, dass Menschen im Kindesalter kreativer sind als später als Erwachsene. Kreativität ist uns allen angeboren, doch wir verlernen diese Fähigkeit zu nutzen.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Kreativität ist trainierbar. Und anders als eine völlig neue Sprache, müssen wir sie nicht von Null erlernen. Ähnlich wie Kondition oder Muskelkraft kann sie durch regelmäßiges Training verbessert werden.

Kreativität = Mindset + Arbeit

Ein sehr schöner Vortrag von Comedian Knacki Deuser ruft zum “Mut zum Geistesblitz” auf. Und er nutzt eine sehr einfache Formel: Kreativität ist Mindset + Arbeit.

Die “Arbeit” ist vor allem die Anreicherung von Wissen. “Connecting the dots” ist nicht erst seit Steve Jobs ein sehr bekannter Begriff. Aber ohne Dots gibt es eben keine Connections. Picasso, Mondrian, Matisse – sie alle mussten erst durch die harte Schule der traditionellen Malerei, bevor sie damit brechen konnten.

„Dead Hare“ von Piet Mondrian, 1891, 28 Jahre bevor er seine ersten streng geometrischen Gemälde anfertigte.

Dass wir uns Wissen aneignen, ist also ein zentraler Punkt in der Kreativitätsarbeit. Doch die Arbeit allein reicht nicht aus. Nur mit einem kreativen Mindset schaffen wir es ernsthaft kritisch zu denken. Ohne ein offenes Mindset werden aus dem Wissen nur einseitige Parolen und Mondrian hätte nicht den Neoplastizismus begründet, sondern weiterhin tote Hasen gemalt.

Meiner Ansicht nach ist das der Hauptgrund, warum Diktatoren und Tyrannen Künstler und Wissenschaftler so gern aus der Öffentlichkeit verbannen. Während ein Diktator dem Volk einen möglichst engen Denk- und Handlungsrahmen verschaffen will, ist der Künstler Experte im Aufbrechen von Rahmen.

Das Mindset

Ein kreatives Mindset setzt erst mal eine offene Denkweise voraus. Der kreative Denker sieht Chancen, hat keine Angst etwas Falsches zu äußern, sondern sieht auch Fehler als Möglichkeit zu lernen. Er ist intrinsisch motiviert, neugierig und anpassungsfähig. Menschen mit einem kreativen Mindset entwickeln Problemlösungen instinktiv, denn diese Prozesse sind dem kreativen Prozess im Hirn fast gleich.

Ein kreatives Mindset zu erschaffen ist kein Prozess, den wir über Nacht herstellen können. Ein kreatives Mindest bricht mit sehr vielen Denkmustern, die wir uns im Laufe des Erwachsenwerdens angeeignet haben. Aber mit regelmäßiger Arbeit ist es möglich dieses Mindset zu entwickeln.

In meinem allerersten Job wurde ich vom Chef kritisiert, dass ich Ideen nicht immer sofort äußern, sondern erst Argumente dafür sammeln soll – eine Kritik, die ich in meiner Karriere noch häufig zu hören bekam. Meine Grundschullehrerin wies einen Klassenkameraden immer wieder darauf hin, dass er keine schwarzen Blumen malen solle, weil es diese nicht gäbe (3). Es sind eben diese Einflüsse, die uns einen Rahmen, wie wir denken und handeln sollen, geben und damit das kreative Mindset zerstören.

Kreativitätstraining

Will man also Kreativität trainieren, muss man für ausreichend Input sorgen und sein Mindset neu ausrichten. Das gelingt am einfachsten durch regelmäßiges Training. Ein Brainstorming allein reicht nicht aus – im Gegenteil – Team-Brainstormings sind manchmal nette Teamevents, die Qualität der Ergebnisse ist aber von den kreativen Fähigkeiten der Teilnehmer abhängig (4).

Inhalt des Kreativitätstrainings ist es regelmäßig und ergebnisoffen Ideen zuzulassen und auszusprechen. Im Kreativitätstraining lernt das Hirn, dass eine bewertungsfreie Herangehensweise die besten Ergebnisse zu Tage bringt und gewinnt Vertrauen in den eigenen Denkprozess – ähnlich wie Zähneputzen läuft der gedankliche Prozess dann irgendwann von alleine.

Unternehmen müssen entsprechend keine teuren Innovationsberater mehr einladen, um Brainstormings – oder wie ich es lieber nenne “Corporate-Kindergarten” – zu veranstalten, sondern die Mitarbeiter entwickeln Ideen im Alltag.

Wir stehen gerade vor komplexeren Problemen als jemals in der Menschheitsgeschichte. Diese können wir nur lösen, wenn jeder Einzelne seinen Hirnschmalz anwirft. Das schönste am Arbeiten mit Kreativität ist aber, dass Menschen im Augenblick der Kreativität immer glücklich sind (5). Was wahrscheinlich der beste Antrieb ist, mal wieder ein bisschen kreative Luftschlösser zu bauen. 💋


Anmerkungen

(1) Es gibt viele Beispiele, warum diese Logik aufgeht. Eine gute Hinführung gibt Garry Kasparov in diesem Artikel: https://www.theregister.co.uk/2018/05/10/heres_what_garry_kasparov_an_old_world_chess_champion_thinks_of_ai/

(2) Am wichtigsten ist dabei natürlich immer das Mindset des einzelnen Vorgesetzten. Diese Führungskräfte zu trainieren gehört zu meinen Aufgaben. Diese Arbei der Geroge Washington University hat einige sehr gute Beispiele gesammelt: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0007681318301459

(3) https://www.youtube.com/watch?v=ZfKMq-rYtnc Dr. George Land gibt in diesem TEDx-Vortrag einen schönen Einblick in verschiedene Ergebnisse

(4) Es gibt übrigens sehr wohl schwarze Blumen, zum Beispiel die Fledermausblume https://en.wikipedia.org/wiki/Tacca_chantrieri 

(5) u.a. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/2631454118806139, https://www.ingentaconnect.com/content/asag/gen/2006/00000030/00000001/art00007


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