Wir haben eine Wahl

Die letzten Tage habe ich mir viele Gedanken zur Diskussion um Köln gemacht. Am meisten getroffen hat mich dieser Satz: “Meiner kleinen Schwester sage ich, dass sie auf den Boden gucken und schnell weiter gehen soll, wenn sie sieht, dass ihr eine Männergruppe entgegen kommt, auf die die eben genannten Kriterien (eigentlich genau diese Kriterien: schwarze Haare, dunkle Augen, breitbeiniger Gang, Bock auf Stress) zutreffen” von Antonia Baum in der F.A.Z.

Ich wollte aufschreien und sagen, dass ich das nicht tun will. Bei nüchterner Betrachtung tue ich das aber schon: Zum Beispiel um 6 Uhr morgens auf der Tanzfläche des Roschinsky’s, wenn jeder Mann, den man zufällig anlächelt, zum potentiellen Idioten wird, der einem zu nah auf die Pelle rückt.

Ich bin jemand, dem man ansieht, dass ich auf blöde Anmachen kontere. Entsprechend selten werde ich angesprochen, trotzdem passiert es gelegentlich. Auf der Treppe in die S-Bahn Reeperbahn wird man von schwarzen Männern (ich sage bewusst schwarz, denn das ist in diesem Moment das einzige, was sie von den anderen unterscheidet) angesprochen: “Hey Schönheit.“ Meistens lächle sich zurück, manchmal sage ich “Danke“, und gehe weiter.

Ich fahre nicht mehr alleine Taxi, seit ein weißer Taxifahrer mal “du bist aber auch sehr sexy“ gesagt hat und seine Hand auf meinen Sitz legte.

Das unangenehme Gefühl, einer Bedrohung ausgesetzt zu sein, ist in beiden Fällen das gleiche. Im geschlossenen Raum des fahrenden Autos natürlich ernst zu nehmender. Hätte ich ein anderes Gefühl, wenn ein weißer Typ mir auf der Treppe hinterher rufen würde? Oder wenn der Taxifahrer schwarz gewesen wäre? Nein, hätte ich nicht.

Ich bin bewusst nach St. Pauli gezogen, weil dort jeder Jeck anders sein darf. Im Haus wohnen aus ganz Deutschland zugezogene Akademiker und ein Hamburger Urgestein. Im Erdgeschoss ist ein Wettbüro, das von türkisch aussehenden Männern besucht wird. Ich nenne sie immer meine Türsteher. Wenn sie rauchend vor der Tür stehen, grüßen sie nett, habe ich die Hände voll, halten Sie die Tür auf – zu quasi jeder Tages- und Nachtzeit. Es ist optisch die gleiche Gruppe Männer, vor der ich den Blick senken soll, die mir Sicherheit gibt.

Wir führen in der öffentlichen Diskussion gerade einen Eiertanz auf, der kaum zu ertragen ist (auch ich hab mir zwei Tage lang Gedanken gemacht, wie ich diesen Text schreiben kann). Wir wollen Pegida kein Futter geben, indem wir zugeben, dass jeder von uns schon mal etwas in der Richtung passiert ist. Wir wollen keine rassistische Diskussion anzetteln, aber das Problem existiert nun mal: Ob ich um 6 als Frau alleine ins Roschinsky’s gehe ist meine Wahl, während Begegnungen auf der Straße zufällig sind.

Für mich ist es keine Option die Grenzen zu schließen, in so fern treffe ich hier eine aktive Wahl. Die Konsequenz aus dieser Entscheidung ist hingegen, dass wir solche Taten nicht zu Bagatell-Delikten werden lassen dürfen. Es ist egal, ob es um den Mann auf der Treppe, den Taxifahrer oder den Partygänger geht: Wir müssen reagieren, statt ignorieren. Ich bin mir sicher, dass wir dieses Problem lösen werden, aber Schweigen ist der falsche Ansatz.

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